„Nichtige Menschen oder Das unmotivierte Duell“ wie ein Kritiker sagte

Veranda der Villa Hofreiter und Garten. Rechts die Veranda mit Balustrade. Später Nachmittag. Lange Schatten der Gitterstäbe fallen in den Garten.

Schnitzler liebte die Frauen – die süssen Mädeln, die Ehefrauen, Fräuleins, vor allem Schauspielerinnen – alle über die er geschrieben hat, wirklich. Man kann es lesen in seinen Biografien, Briefen, seiner Autobiografie, seinen Tagebüchern – und in seinen Stücken. Schnitzler selbst ist auch: alle seine Männerfiguren. Seine Ärzte, seine Dichter, Leutnants, seine Liebhaber, Gatten, Bohemiens, Fabrikanten u.s.w. Theater ist ein mächtiger Teil seiner Welt. Hier lässt er die ganze bessere Gesellschaft vor den Augen der besseren Gesellschaft auf- und abflanieren.

Er lieferte einen monumentalen Text seiner Zeit, ihre Innen- und Aussenansichten der bourgeoisen Salons, der Kaffeehäuser, der Theatersäle, der Spieltische, Schlafzimmer, der schicken Villen – Jugendstil – auf dem Land, wo man unter sich war, der Waldlichtungen, auf denen man sich frühmorgens duellierte, der Strassen, wo man seine Weihnachtseinkäufe besorgte oder später nachts noch ein Mädel.

Das Wiener Fin de siecle, war wohl so, wie wir es bei Schnitzler nachlesen, mit ein bisschen Larmoyanz, ein bisschen morbider Wehmut, ein bisschen gemeiner Kritik, ein bisschen Frechheit und viel bösem Witz. Und er lässt den Vorhang gerade noch fallen, bevor das Bild stürzt, wenn es gerade schon deutlich sichtbar ins Kippen gerät.

Arthur Schnitzler ist ein Künstler des exakten Augenblicks. Des Augenblicks, da der Kaiser der riesigen Donaumonarchie hoch auf seinem Thron sass, das Reich boomte und vom Brodeln rundum wenig zu spüren war und wenn, dann war ohnehin nichts dagegen zu tun. Des Augenblicks, als alles gut war.

Als «Das weite Land» 1911 uraufgeführt wurde, war noch Zeit bis zum Ersten Weltkrieg, bot das System den Seinen, Figuren wie Zuschauern, noch Halt. Da war gerade noch Zeit, bis der Vorhang fiel über den ganzen schönen Schein und gerade schon absehbar, dass das nicht von Dauer sein kann, dass ein ganzes Jahrhundert bald kühn ins Dunkel hinein sausen wird.

Und doch oder vielleicht eben deshalb, gerade weil er so exakt den Augenblick traf, war er seiner Zeit genau diesen entscheidenden Augenblick voraus. «Das weite Land» war zu früh, es wirft lange Schatten voraus. Schnitzler hatte seiner Zeit ihre Tragikomödie geschrieben und die konnte sie nicht lesen. Und vielleicht liegt es an dieser Frühgeburt, dass dieses Stück auf unseren Bühnen sich nur selten von dem Staub befreit, der seit 100 Jahren auf ihm liegt und lastet. Das Stück wird erst kommen, notierte Schnitzler Jahre nach der Uraufführung und trotz des Erfolgs, den er damit hatte, in sein Tagebuch. Und er zitiert einen Freund, der die Zeit, die es noch brauchen wird, auf 200 Jahre schätzt. Mag sein, dass es so lange dauert. Mag sein, dass diese Zeit gerade jetzt schon angebrochen ist.

Merken Sie, wie es brodelt?

Die Zuschauer aus diesem goldenen Zeitalter sassen wohl zu nahe an der Bühne, auf der ihresgleichen agierte. Der Überblick über die eigenen Lebensbedingungen fehlte, … (Heiner Willenberg)

Heute ist die Reise in „Das weite Land“ eine Zeitreise in die Vergangenheit und gleichzeitig eine Reise in das kollektive Unterbewusste der Gegenwart, der Unseren, Figuren wie Zuschauer. An dieser Schnittstelle operiert Elias Perrig mit seiner Inszenierung. Ungefähr zu der Zeit, als Schnitzler sein «Weites Land» schrieb, wurde das alte Basler Stadttheater nach dem grossen Brand wieder aufgebaut, dort wo heute der Tinguely-Brunnen stehen. Nach diesen rund 100 Jahre alten Plänen hat Wolf Gutjahr das Modell des alten Zuschauerraums auf unsere Bühne entworfen. Der Zuschauer wirft den Blick also lange lange zurück in den Zuschauerraum, in dem er selber sitzt. Eine asymmetrische, paradoxe Spiegelung. Die Spiegelung des alten Geistes des bürgerlichen Parketts, und damit auch des modernen Bewusstseins, das damals entdeckt wurde, von Sigmund Freud zum Beispiel. Er nannte Schnitzler seinen Doppelgänger und dieser erweiterte das Unterbewusstsein um das Land des Halbbewussten. Dieses diffuse, entgrenzte Reich, in dem der Mensch nach seinem Bestimmungsort forscht. (Ist in unserem Möglichkeits-Universum die Psychoanalyse die letzte Ideologie, die überlebt hat?)

Schnitzlers Figuren sind beides, Voyeure und Akteure ihrer Geschichte, ihre eigenen Kritiker und Analytiker und auf dieser Bühne sitzen sie selbst im Zuschauerraum. Und sind doch: Spieler. Sie treiben das Spiel mit dem Bewusstsein, bewegen sich in der vagen Grauzone, ständig in Gefahr zu übertreten, kurz vor dem Moment, wenn aus Traum, Wahn, Hirngespinst, Wille und Vorstellung wieder Wirklichkeit wird. Ihr Mittel ist die Sprache, in der sie sich konstruieren, ihre Welten entwerfen und ihre Dramen. Sie sprechen, also handeln sie. Darüber hinaus gibt es erstmal: nichts. Aber wir sehen das Spiel und wissen, so eifrig, wie es verfolgt wird, muss es dabei um ALLES gehen.

Die geschliffenen ironischen Dialoge täuschen. Hinter ihnen steckt schon das Abhandenkommen von Bedeutungsklarheit, einer verlässlichen Wirklichkeit, steckt schon die Sprachkritik eines Wittgenstein. Der Witz stichelt solange bis vielleicht doch der eine kleine erlösende Blutstropfen fliesst, in dem das grosse Gefühl steckt.

Meist wird Schnitzler in Verbindung gebracht mit der Anklage der Doppelmoral der damaligen Gesellschaft mit ihren starren Konventionen, mit der Lüge als Strategie, darin zu überleben. Eigentlich ist „Das weite Land“ darüber aber längst hinaus. Es wissen nicht nur alle alles, es geht gar nicht mehr um eine Autorität oder eine höhere Ordnung, mit der man sich ins Vernehmen setzen muss, die Arena der liberalen Gesellschaft ist schon eine andere, denn es geht diesen Menschen hier nur mehr um die Rettung des letzten und ersten, des einen: das ICH.

Das ist der Einsatz, um den hier gespielt wird. Das ist das Fremde im „Land“ damals und der allgegenwärtige Kampf heute.

Ich hab nur zugeschaut, wie alles um mich herum weitergeht. Wie ein Zuschauer in der Dunkelheit eines Theaters, bevor sie wieder die Lichter anmachen. Dabei sitz ich da und frage mich, wie ist das möglich? (aus David Lynchs „Inland Empire“)

 


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