Landpartie

Als Klassiker des Fin de siècle ist «Das weite Land» von Arthur Schnitzler eines der erfolgreichsten Stücke des 20. Jahrhunderts überhaupt. Meist wirft das Theater damit den sentimentalen Blick auf eine untergegangene Epoche, meist sucht man nach dem vielzitierten «Schnitzlerton» der geschliffenen Konversation. Elias Perrig aber nimmt seine Reise in «Das weite Land» als eine Abenteuerreise ins Ungewisse. Er forscht darin nach seiner Gegenwart, nach dem Kern einer schillernden Gesellschaft, ihrer Spiele und Verirrungen, dem losen bürgerlichen Parkett.
1904 brannte das alte Basler Stadttheater, dort wo heute der Tinguely-Brunnen steht. Das war 10 Jahre bevor ganz Europa brannte und ungefähr die Zeit, als Arthur Schnitzler «Das weite Land» schrieb.
Dieses Gedächtnis einer Gesellschaft, der Basler Gesellschaft und der Europas hat Wolf Gutjahr auf die Bühne des neuen Basler Theaters gestellt. Genauer gesagt schaut man in Elias Perrigs Inszenierung aus dem Zuschauerraum des 21. Jahrhundert in das Modell des Zuschauerraums von 1904. Und der spielt immer noch. Die alten Geister werden in die Gegenwart geholt. Und Elias Perrigs Röntgenblick auf seine Menschen auf der Bühne trifft auf Arthur Schnitzlers, trifft auf Sigmund Freuds, trifft Basel.
Hier sind alle Voyeure, auf der Bühne, oben und unten im Parkett. Und unternehmen die Reise in ein weites Land, in die Innenansicht unserer Welt … Die Frage, ob wir überhaupt ankommen können, bleibt ungewiss …
Eine Zeitreise ist es, die sich nicht vom Fleck bewegt, denn die steckt in einer ewigen Schleife. Das bürgerliche Parkett, in dem wir uns bewegen, ist dieser Fleck, dieser blinde Fleck, dieses Halbbewusstsein, in dem Schnitzler seine Welt situiert, zwischen Traum und Wirklichkeit, zwischen vielen Worten und dem, was unaussprechlich bleibt.
Sicher ist nur, dass es hoch hinaus will, das «weite Land». In die Berge bis zum Völser Weiher hinauf steigt die Schnitzlersche Gesellschaft in ihrem Höhenflug. Und manche von da noch weiter. Bis auf den Aignerturm, auf den Gipfel. Diese Menschen haben ihr städtisches Milieu, ihre Arztpraxen, Fabriken, Bankiers-Posten, Schauspiel-Engagements gesichert, ihre noblen Villen im Grünen errichtet und im Urlaub locken Abenteuer und Sport. Amerika tut sich auf, als neuer Wirtschaftsmarkt. Man expandiert. Geld ist kein Thema und der Geist ist frei. Die Glühlichter des Industriellen-Ehepaars Friedrich und Genia Hofreiter bringen Licht ins Dunkel. Ihre Ehe ist ein offenes Vehikel und liberal. Amusement und Dekor haben die Regeln und das verzweifelt ersehnte Ideal abgelöst. Der schöne Schein ist Wirklichkeit geworden in diesem Wien der Jahrhundertwende. Fortgeschritten ist der gesellschaftliche Umgang und eindeutig gebildet, aufgeklärt. Was will man mehr? Die Welt steht offen und liegt einem sogar zu Füssen, wenn man am Gipfel steht. Sie haben die Wirklichkeit fest im Griff. Sind Virtuosen der Bourgeoisie.
Alte Autoritäten sind abgeschafft: kein bürgerliches Drama mehr um den Konflikt zwischen Pflicht und Neigung, das einen hält. Keine Glaubensfrage, in deren Zweifel man stürzen könnte. Mit Schopenhauers «Die Welt als Wille und Vorstellung» steigen sie empor, mit Nietzsche über sich selbst hinaus. Die Kunst ist in der Blütezeit, Geniekult herrscht, an den Kaffeehaustischen Wiens wird die Kunstwelt neu gemischt, Hugo von Hofmannsthal, Hermann Bahr. Die Musik verlässt ihre tonalen Sphären, Richard Strauss, Alban Berg, Arnold Schönberg, die Sprache wird neu erlernt, Ludwig Wittgenstein. Die Häuser, in denen man sich selbst auf der Bühne besichtigen kann, sie sind prächtig – die Theater, das Burgtheater zum Beispiel. Eine Traumwelt betritt die Bildoberfläche, Egon Schiele, Oskar Kokoschka, Gustav Klimt. Hier – in den persönlichen Vorstellungswelten, wird die neue Wahrheit vermutet. Das Vertrauen in den Einzelnen ist ungebrochen, alles liegt hier, an ihm, das ganze Potential ist im individuellen Bewusstsein enthalten. Überich, Unterbewusstsein, Bewusstsein  «Das Ich ist unrettbar» konstatierte der Physiker Ernst Mach Ende des 19. Jahrhunderts, und also ist auch alles Ich. Keine Wahrheit darüber hinaus. Sigmund Freud erforscht die Seele und Arthur Schnitzler beschreibt sie.
Es will hoch hinaus und geht tief hinein, ins Innere: Wohin geht einer, wie Friedrich Hofreiter, der alles hat oder haben kann und alles ist? In sich? Um was zu finden? Sich selbst? Alles? Wo ist der Aignerturm, diese Berg-Fiktion von Arthur Schnitzler? Tief im Inneren verborgen?

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