Aus dem nicht ganz so geheimen Tagebuch des Herrn Schnitzler

1908: 28/7 Das Frieberg Stück geht mir auf.‑ Es wird wahrscheinlich heissen „Das weite Land“. Die immanente Idee des Stückes erklärte sich mir heute.‑

1908: 29/8 Völser Weiher.‑ W.L. 3. Akt vorbereitet.‑ Domino.‑

1909: 27/1 Vm. 3. 4. 5. Akt Weites Land durchgesehn. Im ganzen angenehm enttäuscht, doch wird viel, viel zu machen sein.

1909: 31/5 Pfingstmontag. Vm. Tennis, mit viel Animo. Nm. Flüchtiger Blick ins W.L. und ausgeruht. Brahm kam. Las ½-9 ihm und O. W.L. vor. O. fand das Stück sehr gut und war im 5. Akt zu Thränen ergriffen. – Mein Eindruck: Exposition matt, noch manches schnarrende im Dialog – als ganzes mein bestgebautes Stück, eine glänzende und so gut wie neue Hauptgestalt, inhaltlich viel zukunftsweisendes; in Nebendingen manches conventionell und billig.

 1910: 4/26 W.L., 4. und 5. Akt. Fand darin wenig mehr zu feilen. Finde das Stück gut – ja möglicherweise zu gut für einen Theatererfolg.

1910: 4/7 Vm. Villa. Tennis. Schönbrunn. Mit O. zu Kaufmann. Er sagte u.a. „Gern möchte ich in 200 Jahren wieder auf die Welt kommen, um zu sehen, ob auf Ihre Dramen (mit Rücksicht auf das W.L. mit seinen [„anarchist. Tendenzen“]) weitergebaut werden konnte, ob sie eine neue Art inaugurieren.“ – Da meine Weltanschauung eine eminent undramatische ist, d.h. vielmehr das Drama in seiner jetzigen Form aufhebt (erwiderte ich) bleibt mir sozusagen nichts andres übrig als irgend was wie eine neue Form zu suchen.

1911: 30/9 Meine Familie goutiert die Atmosphäre des Stücks nicht recht. So ist Erna z.B. für Helene „ein Mistvieh“.‑

1911: 14/10 Ins Theater. 1. Akt zuwartend, 2.Akt mässig, eher gut, 3. fast etwas steigend, 4. schlug mächtig ein, 5. Akt wirkte tief.‑ Nach Haus im Auto. Es kamen Saltens. Salten hatte schon geschrieben; hatte (falsche) (ich die richtigeren) Einwendungen gegen den 3. Akt. Er will dass Genia vorkommt; ich finde das episodische zu schwach.

1911: 16/10 Berliner, Hamburger, Breslauer Kritiken.‑ Die Mehrzahl übertrifft an Idiotie das erwartete. Für Deutschland scheint das Stück im grossen und ganzen (vielleicht von Hamburg abgesehen) ziemlich erledigt. Eine Geldhoffnung ins Wasser gefallen. Ärgerlich.‑

1911: 21/12 Abend mit O. Weites Land, Burg. Loge 2. Stock – hörte schlecht. – Hatte wieder die Empfindung: wie gut – das gute ist, weiss doch eigentlich niemand. Und ferner. Was für eine Frechheit gehört schon dazu – dass die Leut überhaupt das Maul aufmachen! –

 1915: 14/6 Das Stück eins der sehr wenigen zu dem ich mich bedingungslos bekenne. Dieses wird bleiben – ja man könnte fast sagen: es wird erst kommen. Empfind ich bei so vielem von mir, dass ich etwas weniger bin, als das was ich selbst einen „Künstler“ nenne;‑ hier bin ich – etwas mehr. Könnt ichs doch einmal noch mit gesunden Ohren hören! (Und manches dazu.‑)

1917: 17/6 Mit O. Kaiserpromenade; ‑ Louis Friedmann. Empört über den Tod – wenigstens darüber, dass auch er sterben muss, und über allerlei andres. Sehr hofreiterisch. Politisch höchst pessimistisch, vor allem weil man uns das Geld wegnehmen wird.‑ Über das Herzleiden seiner Frau.‑ Frivoler, cynischer, platter Mensch, dabei immer noch Charme.

1918: 20/9 Nm. Zur Hofrätin; die Hofr. Ging ins auswärtige Amt. Ich blieb mit Bahr allein (bei vorzüglichem Milchkaffee). Er: „… Schon ähnlich ergings mir mit dem Weiten Land,‑ wo ich deine Kunst bewundert aber mich fragte. Ich könnts mit solchen Menschen – wie du sie schilderst, keine fünf Minuten aushalten.“ Ich: Und hast es Stunden und Tage mit ihnen ausgehalten. Er: „Das ist allerdings wahr.“

 1922: 10/10 Traum: Decoration W. Land – ein sehr eleganter Salon (ganz unsinnig),‑ gefällt mir sehr, die Ecke links beim Fenster muss abgeschrägt werden,‑ aber es ist ein wirklicher Salon, glattes Parket, Leute in Frack kommen, die Besucher, man theilt mir mit, auch Karl Kraus sei da;‑ alle ins Nebenzimmer, der Salon selbst fast leer, irgend jemand gleitet (fällt fast) übers Parket.

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