Aus dem Inneren der Wirbelsäule

 
Das ist der Requisitentisch im „Weiten Land“ und das findet auf der GROSSEN BÜHNE statt, in beidem ist viel viel Raum fürs Objekt – und wir haben noch eine Woche bis zur Premiere und da ist sonst noch gar nichts aussortiert. Irgendwas stimmt da nicht, oder? Normalerweise gibts da Hochbetrieb, überquellende Regale mit Blechnäpfen und Stricknadeln, Hosentaschen, mit Schnupftüchern, Geldscheinen, Handgranaten, menschengrosse Telefone mitunter. Im weiten Land wird eine einzige erbärmliche Banane kredenzt? Hatte der Regisseur nicht mal Elefanten in Aussicht gestellt? Eine ganze Kuhherde? Okay das ging nicht wegen ihrer wiederkäuenden Fladenmentalität, aber so? Dabei heisst just der Regisseur den Bühnenbildner und mich Puristen?
Das Innere der Wirbelsäule ist spottend gelb.

Unsere Bühne ist eine Wirbelsäule, in deren Mitte die Spielfläche wie eine Bandscheibe offen liegt, die die Seele ist. So hat es unser Beleuchter nach der AMA beschrieben.

Womit wir bei Schnitzlers Röntgenblick nun endlich angelangt wären. Und der brennt sich phosphoriszierend in die Netzhaut ein. Und das Licht lässt den Raum im dritten Akt als Zentrifuge ins Innere drehen. Was Licht alles kann.

Heute war AMA. Geheimnisvolle Kürzel des Theaters. AMA heisst:

Alles mit allem.

Was so viel meint wie, es wird schrecklich werden. Denn da kommt alles, das ganze Stück, der ganze Quatsch, den man sich ausgedacht hat, unter Originalbedingungen (zum Glück ohne zahlende Zuschauer), zum ersten Mal auf die Bühne. Da trifft die Idee auf den Apparat und das, wir wissen es aus politischen Vergleichssystemen, bedeutet meist nichts und schon gar nicht Gutes. Es wir gesetzt, gedruckt, festgehalten, was bisher ins Unreine hingeworfen war. Der Aufprall einer Utopie auf die Realität ist meist ein Schock.

Manchmal geht es aber auch gut aus, wie heute abend zum Beispiel.

2012 9/2 abends.

Akt1 Am Anfang fehlte das Amusement, Akt2 muss schneller werden! Akt 3, der Problemakt funktioniert passabel,  die Spielweise noch nicht scharf gestellt. Akt 4 rastet emotional durch, trotz aller Unsauberkeiten, Akt 5 trägt noch nicht. Im Ganzen ergiebig, das Stück wird schon kommen. Ähnlich hätte der Schnitzler die Probe in seinem Tagebuch verheizt. Der Paul sagt in sein Tagebuch: Das weite Land ist eröffnet, jetzt kann erschlossen und erobert werden. Alles mit allem finden sich zusammen: Bühne und Spiel, Figuren und Geschichte, Comic-Katze, Kunstdialekt, Tennis und Konrad Bayer und diese Liebe und Tod und gelb und die Kraftfarben der Kostüme, eine Banane und der Nackt-Akt, Erna und Mauer, Zizek und Wittgenstein und Jelinek und Arthur Schnitzler, die Natters, Zuschauer und Spieler, der tote Klavierspieler und die Rampe, Lied und Licht, Liszt und weites Land.

Es fügen sich zusammen das Melodram und echter echter Pathos. Wir haben hier im Fokus eines Facettenauges Spass an Schnitzlers Facettenstück.

Bleibt nur eine von vielen Fragen:

Sind auf einer Bühne zwei Diven möglich?

Wie ist mit dieser paradoxen Spiegelung umzugehen? Wie mit der Anna Meinhold und der Genia Hofreiter in einer Szene? Wie mit einer, die aus pathetischem Affekt heraus den Gedanken denkt, und einer, die aus dem Gedanken heraus den pathetischen Affekt entwickelt? Das ist sehr nah und doch ein himmelhoher Unterschied. Das ist jedenfalls nicht im Schweizer Kompromiss zu verheben. Zwei diametrale Wege ins Herz treffen sich eben in keiner ausgewogenen Mitte.

Die Fragen und die von gestern werden heute nicht beantwortet, vielleicht auch gar nie. Der Paul, (wie heisst er doch gleich mit Nachnamen? Ähhh…), wollte sowieso über was ganz anderes heute schreiben, nämlich über den

Deus ex machina und seine Geburt aus dem Geist der Antike

über den Positivismus, über die Psychoanalyse bis in die paradoxe Spiegelung der Postpostmoderne hinein. Aber der Deus ex machina wurde heute morgen gestrichen und den will ich auch nicht wiederbeleben.

Im übrigen bin ich der Meinung: die Textpolizei muss zerschlagen werden.

Paul K.

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