„Wir spielen also leben wir“

So oder so ähnlich haben es Adalbert Stifter, August Strindberg und/oder war es Arthur Schnitzler? einmal notiert. Ich schlag das morgen noch genauer nach, für heute lass ichs gut sein.

Ja, das war ein harter Tag. Aber er hat sich gelohnt. Um acht in der Früh sass ein gezeichneter Regisseur und ein fiebernder (was keine Metapher ist) Bühnenbildner und eine Dramaturgin vor ihrem ersten Kaffee in der Direktion und standen vor einem Rätsel. Ja, war das Fazit, das „Weite Land“ ist ein weites Land.

Um 00.30 ging der Regisseur erleichtert nach Hause, indem er sagte, heut abend war die Probe so wie das Plakat. (Siehe Bild in der Seitenleiste des Blogs. ) Es gibt eine ziemlich einhellige Meinung zum Plakat:

keine Kunst, aber laut.

Damit kann ich leben, wenn so wie heute bei der Abendprobe sich abzeichnet, dass aus der Kunst Leben werden kann, und dass das Theater, indem es Theater ist, das Spiel zum echten Leben wandelt. Ich betrete eine Bühne, also spiele/lebe/bin ich ich. Die Kunst der Behauptung ist das. Transformation ist das. In der Behauptung ist man – dann hat sich so etwas wie die Suche nach einer fremden Figur (verstehe ich persönlich, der ich ja auch keine mehr sein darf, ohnehin nicht, was das ist, ausser einer Hilfkonstruktion, die Defizite überpinselt, eine Figur ist doch: die Summe ihrer Auftritte, Sätze, Haltungen, aber keine Ausgangstheorie, kein Apriori, keine apodiktische Grösse, keine Annahme, die realisiert wird, oder??? ich bin doch auch, auch wenn keine Figur mehr.) erübrigt. Ein für allemal.

Es geht in dieser Inszenierung um die Bildung paradoxer Symmetrien. Die paradoxe Symmetrie zwischen einem Bühnenbild und einem Theatersaal, zwischen 1911 und 2012, zwischen Basel und Wien, zwischen einer merkwürdigen Schauspielertruppe und einer merkwürdigen Gesellschaft, zwischen Theater und Leben, zwischen Fiktion und … „Wahrheit“(?), zwischen Gefühl und Drama, zwischen Ich und Ego.

Weg von der Schöpfung, hin zur Wahrnehmung, die Theater ist. Auch so eine paradoxe Symmetrie. Wer hat gesagt, dass Kunst im eigentlichen Sinne Voyeurismus ist? War es Christoph Hein? Heute verschwimmen mir meine Quellen … Jedenfalls haben die spielenden Kollegen da oben heute Voyeurismus, Spiel, Theater und Wirklichkeit fusioniert und das ist der Weg des Realen. Des Realen, das auch im Traum nicht endet. Des Realen, auf dessen Spuren das Theater ja immer tastend tappt. Und das ist der Weg der Komik, die Theater immer sein will, im besten Falle.

Und – es war ein ziemlich paradoxer Moment für mich persönlich heute, denn ich darf zwar nicht mitspielen und muss im Zuschauerraum rumsitzen (mittlerweile hab ich aus Protest das Kaffeehäferl gegen die ebenfalls gestrichene Schnitzler-Teetasse getauscht), hab aber trotzdem mitgespielt, weil ich eben auch die paradoxe Spiegelung der Bühne und der darauf sitzenden Schauspieler-Zuschauer bin. (Morgen poste  ich vielleicht ein Foto mit dem Zuschauerraum von der Bühne aus betrachtet, dann versteht ihr, was ich meine.)

Eines noch: Zum Thema „real“, zum Thema Wahrheit, zum Thema Liebe … Okay auch darum geht es in diesem Stück, schon wieder …:
Arthur Schnitzler hat wirklich seitenweise die glühendsten Liebesbriefe verfasst, z.B. an die Mizi Glümer und an ein paar andere von seinen 100en Geliebten. Und da variiert, ergänzt er ständig diesen Satz „Ich liebe dich“, da schreibt er ihn 100male an seine Adressatin nieder. Und in diesem weiten Land, in dem er die Sprache so blossstellt, so vorführt, so leerlaufen lässt, wird der gleiche Satz plötzlich so glaciert, so mit Vorsicht behandelt, so wichtig gemacht. Fällt der Satz doch hier ein einziges Mal – von Erna an Friedrich. Und ist nur unter Feuerschutz der folgenden – wirklich absurden – Regieanweisung gestellt:

erst jetzt im vollen Ton der Wahrheit

Was bitte ist der volle Ton der Wahrheit? Die Wahrheit? Ihr Theater? Ein Plagiat? Eine paradoxe Symmetrie? Letzteres Mit Sicherheit.

Es gibt noch einiges zu tun: Wir arbeiten an einer Paradoxie, wir arbeiten jetzt am „weiten Land“ als Komödie betrachtet. Die blitzte heute abend auf, die Ironie. Not ist verwandelt in das grosse Lachen über sich selbst. Wir arbeiten am Amusement und daran, dass das Stück so laut wird, wie das Plakat …

Die Praxis bläst die schweren Gedanken einfach in die Luft. Es gab heute, naja, man kann es nicht anders formulieren als: nach einem zimlich miesen ersten Versuch gestern – eine Rückeroberung dieser Bühne, dieses weiten Lands aus 1911.  Wir sind Schnitzler grosskotzig gefolgt in seinen Annoncen, das Stück brauche noch ein paar hundert Jahre, bis es erkannt wird. Und wir brauchen dafür auch sicher noch ein paar Tage, aber die Zukunft schimmert schon am H…

Der Kreindl Paul trinkt ein Bier auf die Truppe und grüsst aus seinem gestrichenen Herzen und weiss, auch morgen wird ein harter Tag.

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