Zombie

Ich sitze auf der Probe und werde mit Sicherheit bald ein Zombie sein, was – das muss einmal gesagt werden – ein durchaus üblicher Aggregatzustand am Theater ist. Am Theater Basel z.B. geistern gerade Vampire durch das «Empire V.» und im «Siebenten Siegel» tanzt ein ganzes Ensemble lustig in den Tod. Und sonst hockt der Apparat vor diesen monströsen Speichern der Gegenwart, seinen Computern, sonst werde ich hier ständig auf das «Weite Land» von Hans Hollmann angesprochen, wie lang ist das eigentlich her? Sonst geht man durch Basel und fühlt sich weit zurückversetzt, in manchen Gassen um Jahrhunderte, in manchen auch nur in die 80er.

Theater fällt aus der Zeit. Theater ist ein Speicherplatz, Theater arbeitet an der permanenten Wiederherstellung, einer Vergangenheit, vergangener Stücke, vergangener Probenarbeit, längst gewesener Ideenblitze und behauptet das alles immer als Gegenwart, als den grossen einzigen Moment. Die Schale des Theaterraums dicht gezurrt, um die wabernde Masse einer Vorstellung, in der der Zuschauer-Kern, der Bühnen-Kern schwimmt.

Bin ich schon einer? Ein Zombie? Hier, vier Geschosse unter der Erde, in einer Bühne aus 1904 brennt das alte Stadttheater immer noch in mir und bin ich alt, uralt. Da zieht die Zeit nonchalant an mir vorbei und ich zeige ihr meine gefrorenen Reisszähne, bekomme einen Riesenappetit zu fressen, was zu fressen ist, zu fressen, was da war und sein könnte.

 Die ewige Wiederkehr des Gleichen.

Ein weites Land. Ich steige 2012 in die Geisterbahn und sehe mich selbst vor hundert Jahren und mein Hirn wabert genau so wie damals, hat ein paar Prothesen mehr, aber steckt immer noch in seiner blöden Schlinge. Die Sprache von damals wird jetzt neu gemacht, die Wirren des «Weiten Landes» werden zeitgemäss nachvollzogen und wieder Gegenwart in dieser Probenzeit. Zeit auf Probe. Probe für einen kommenden Premierenabend. Für kommende Vorstellungen. Wir proben Zeit auf Zeit.

Und wir arbeiten auf den Moment hin. «Das weite Land» wird durch den Zeitraffer geschickt. «Das weite Land» wird ausgegraben und wieder mit den Lebendigen bevölkert. «Das weite Land» ist eine neue Welt. Wir haben die Hälfte des Textes gestrichen, die Hälfte der Figuren mindestens. Alles fokussiert sich auf das Fadenkreuz des einen Moments, in dem einer oder alle sich selbst begegnen. Hallo, bin ich’s?

Der Hofreiter fordert stellvertretend die Zeit zum Duell. Das ist mal eine spezielle Perspektive. Wie geht das? Der Zeit das Auge aufschlitzen und sich nicht mehr in ihr sehen müssen. Und dann ist er: Noch ein Zombie mehr.

Der Moment, den man lieber nicht sieht, der Moment, in dem Genia nicht hinschauen kann, auf den Moment des aufgeschlitzten Auges. Der Moment, in dem ich auf ein Bild schaue, mein Auge bin und das Auge auf dem Bild aufgeschlitzt wird. Mein Auge also. Da bin ich und bin nicht. Der Zombie.

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